Kumulatives Risiko und staatliche Fürsorgepflicht: Eine kritische Einordnung der aktuellen STIKO-Empfehlungen 2026

Zusammenfassung

Die aktuelle STIKO-Empfehlung (Stand Juli 2026) beschränkt die generelle Aufforderung zur
SARS-CoV-2-Impfung auf Hochrisikogruppen. Für gesunde Kinder, Jugendliche und weite Teile
der arbeitenden Bevölkerung entfällt die pauschale Empfehlung. Diese Stellungnahme
analysiert die Diskrepanz zwischen dieser Strategie und den kumulativen Langzeitrisiken für
Personen in staatlichen oder systemrelevanten Gemeinschaftseinrichtungen (Schulen, Kitas,
Pflegeheime, Kliniken). Es wird argumentiert, dass bei strukturell bedingter hoher Viruslast in
der Raumluft der Zugang zur individuellen Prophylaxe (Impfung) niedrigschwellig, kostenfrei und
ohne bürokratische Hürden gewährleistet sein muss.

1. Die Limitation populationsbezogener Modelle

Die STIKO begründet den Widerruf der generellen Empfehlung für Gesunde mit einem
günstigen Risiko-Nutzen-Profil bezüglich akuter schwerer Verläufe. Long-COVID bzw. PASC (Post-
Acute Sequelae of SARS-CoV-2) wird zwar anerkannt, aber in seiner absoluten Inzidenz als
gering eingestuft.
Kritikpunkt: Diese Betrachtung ignoriert den kumulativen Effekt.
Während das Risiko pro einzelner Infektion für einen schweren Verlauf bei jungen, gesunden
Menschen gering ist, steigt die Wahrscheinlichkeit für Langzeitfolgen mit der Anzahl der
Reinfektionen exponentiell an. Eine Bewertung, die nur das Einzeljahr betrachtet, unterschätzt
die Lebenszeit-Belastung einer Kohorte, die über Jahre oder Jahrzehnte hoher Expositionsrate
ausgesetzt ist.

2. Das kumulative Infektionsrisiko in Bildungseinrichtungen

Schulen und Kindergärten sind aufgrund räumlicher Enge und oft mangelhafter Lüftung (CO₂-
Werte häufig >1000 ppm) Hotspots für respiratorische Übertragungen.

  • Expositionshäufigkeit: Realistisch ist von mindestens 1–2 Infektionen pro Schuljahr
    auszugehen.
  • Kumulation: Über einen Zeitraum von 18 Jahren (Kindergarten + Schule) summiert sich
    dies auf ca. 20–30 Infektionen pro Kind.
  • Statistische Konsequenz: Selbst bei einem konservativ angenommenen Langzeitfolgen-
    Risiko von nur 5 % pro Infektion, liegt die statistische Wahrscheinlichkeit, mindestens
    einmal im Laufe der Schulzeit eine relevante gesundheitliche Einschränkung zu erleiden,
    bei über 60 %.

Da Schulpflicht herrscht, haben Eltern und Kinder keine Wahlmöglichkeit („Opt-out“). Sie sind
einem staatlich verordneten Expositionsrisiko ausgesetzt, ohne dass ausreichende technische
Schutzmaßnahmen (Lüftung) flächendeckend garantiert sind.

3. Strukturelle Gefährdung in Pflege und Medizin: Ein blindes Feld der Prävention

Die gleiche Logik der kumulativen Gefährdung gilt in verschärfter Form für Beschäftigte und
Bewohner im Gesundheits- und Pflegesektor.

  • Hohe Viruslast in Innenräumen: Studien belegen, dass die Luft in Krankenhäusern und
    Pflegeeinrichtungen aufgrund hoher Personaldichte, pflegerischer Maßnahmen (die
    Aerosole freisetzen) und oft unzureichender raumlufttechnischer Anlagen eine
    signifikant höhere Virenlast aufweist als der Durchschnitt.
  • Fehlende Wahlmöglichkeit für Bewohner: Pflegebedürftige Menschen können sich nicht
    selbstständig vor Infektionen schützen. Sie sind auf die Hygienestandards der Einrichtung
    angewiesen. Wenn diese Standards (z.B. Lüftung, Personalgesundheit) lückenhaft sind,
    werden sie zum „Opfer“ der Struktur.
  • Berufliches Risiko des Personals: Pflegekräfte und medizinisches Personal sind einer
    Dauerexposition ausgesetzt. Auch wenn sie jung und gesund sind, führt die jahrelange
    Wiederholungsexposition zu einem hohen kumulativen Risiko für PASC/Long-COVID.
  • Das Paradoxon der aktuellen Empfehlung: Obwohl die STIKO Personal in
    Risikobereichen explizit nennt, hängt die praktische Umsetzung oft an der Definition des
    „individuellen Risikos“. In der Praxis führt dies dazu, dass viele Beschäftigte ohne
    schwere Vorerkrankung keinen automatischen, niedrigschwelligen Zugang zur
    regelmäßigen Auffrischimpfung haben oder diese als individuelle Leistung abgewickelt
    werden muss. Dies ist ethisch nicht vertretbar: Wer systemrelevante Arbeit unter hohen
    Hygienerisiken leistet, darf nicht mit seinem privaten Gesundheitsrisiko allein gelassen
    werden.

4. Staatliche Fürsorgepflicht vs. Individualisierung des Risikos

Der Staat unterliegt einer Fürsorgepflicht gegenüber allen Personen in staatlichen oder
regulierten Einrichtungen. Diese umfasst zwei Ebenen:
1. Primärprävention: Sicherstellung hygienischer Raumluft (Lüftungstechnik). Hier
bestehen in Schulen, Kitas, aber auch in vielen Altenheimen und Kliniken erhebliche
Defizite.
2. Sekundärprävention: Angebot wirksamer medizinischer Schutzmaßnahmen.

Das Dilemma:
Wenn der Staat die Primärprävention (gute Luft) nicht flächendeckend sicherstellt, erhöht er das
Infektionsrisiko künstlich. Gleichzeitig erschwert er die Sekundärprävention (Impfung), indem er
die Kostenübernahme für Gesunde an strenge Indikationskriterien knüpft und Ärzte durch
Regressängste zur Zurückhaltung bewegt.
Dies führt zu einer Privatisierung des Gesundheitsrisikos: Betroffene (Eltern, Pflegekräfte,
Patienten) müssen entweder bürokratische Hürden überwinden, um Schutz zu erhalten, oder
das kumulative Krankheitsrisiko akzeptieren. Dies widerspricht dem Grundsatz der
Chancengleichheit und der Solidarität im Gesundheitssystem.

5. Forderungen an eine evidenzbasierte Public-Health-Strategie

Um der staatlichen Schutzverantwortung gerecht zu werden, fordern wir:

  1. Anerkennung des kumulativen Risikos: Die STIKO sollte in ihre Modellierungen die
    Lebenszeit-Exposition von Kindern, Pflegebewohnern und medizinischem Personal
    einbeziehen, nicht nur das akute Jahresrisiko.
  2. Niedrigschwelliger, kostenfreier Zugang zur Impfung: Für alle Personen, die aufgrund
    ihrer Tätigkeit (Schule, Kita, Pflege, Klinik) oder ihres Aufenthaltsstatus (Bewohner) einer
    hohen, strukturell bedingten Expositionsrate ausgesetzt sind, sollte die Impfung
    unabhängig von Vorerkrankungen als volle Leistung der Solidargemeinschaft erstattet
    werden. Dies ist als Kompensation für das nicht minimierbare Umgebungsrisiko zu
    verstehen.
  3. Transparente Datenlage: Etablierung eines Registers für PASC/Long-COVID, um die
    Dunkelziffer und die tatsächliche Krankheitslast valide abzubilden.
  4. Investition in Primärprävention: Der massive Nachholbedarf bei der Lüftungstechnik in
    Schulen, Pflegeheimen und Kliniken muss als prioritäre Gesundheitsmaßnahme
    finanziert und umgesetzt werden.

Fazit

Die aktuelle Strategie der STIKO ist epidemiologisch für die Akutversorgung hochvulnerabler
Gruppen nachvollziehbar. Sie ist jedoch ethisch und gesundheitsökonomisch defizitär, wenn sie
die kumulativen Langzeitfolgen für die junge, exponierte Bevölkerung sowie für das Pflege- und
Medizinpersonal ignoriert. Ein modernes Public-Health-Management darf Schutz nicht nur als
Verhinderung von Sterblichkeit definieren, sondern muss die Erhaltung der langfristigen
Lebensqualität der gesamten Gesellschaft im Blick haben. Der Zugang zur Impfung muss als Teil
der staatlichen und betrieblichen Daseinsvorsorge in allen Hochrisiko-Umgebungen garantiert sein.

 

Autor: SafeAir e.V. – Fachgesellschaft für Lufthygiene & Infektionsschutz Deutschland
Hinweis: Inhaltlich konzipiert und geprüft vom SafeAir e.V.; sprachliche Ausarbeitung mit Unterstützung durch Künstliche Intelligenz.

 

26.09.2026

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